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 Verein zur Förderung des Kunsthistorischen Instituts in Florenz (Max-Planck-Institut) e.V.
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  Das Kunsthistorische Institut in Florenz - Max-Planck-Institut
 
 
 
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Eröffnung der Casa Zuccari in Florenz
Zur Eröffnung der Casa Zucarri
Nach umfassenden Restaurierungs- und Sanierungsarbeiten wurde im Mai 2005 die Casa Zuccari an der Ecke Via Giuseppe Giusti/Via Gino Capponi, schräg gegenüber des Kunsthistorischen Institutes in Florenz, eröffnet.
In vielerlei Hinsicht stellte dieses Ereignis eine ganz besondere Freude dar: Nicht zuletzt Dank eindrucksvoller Spenden, die die Mitglieder des Fördervereins aufgebracht hatten, konnte die Casa Zuccari, die ein seltenes Beispiel eines erhaltenen Florentiner Künstlerhauses darstellt und daher von hohem kulturgeschichtlichen Wert ist, vor ihrem Verfall bewahrt werden. Viele illustre Künstlerpersönlichkeiten bewohnten im Laufe der Jahrhunderte das Haus: 1520 war es Andrea del Sarto, der führende Maler der Florentiner Hochrenaissance, der auf diesem Grundstück sein Domizil errichtete. Nach dessen Tod kaufte das Gebäude 1577 Federico Zuccari (1540-1609), der zu jenem Zeitpunkt mit der Vollendung der, von Vasari begonnenen Ausmalung der Kuppel des Florentiner Domes betraut war, baute es um und schmückte den Saal im Erdgeschoß mit einzigartigen Fresken. Nach dem Umzug Zuccaris nach Rom sind als Eigentümer des Hauses unter anderem die Maler Giovanni Battista Paggi, Jacopo Vignali oder Baldassare Franceschini, genannt „il Volterrano“, dokumentiert.
Neben der grundlegenden Sanierung der Casa Zuccari, einer ausführlichen Bauuntersuchung und einer teilweisen Rekonstruktion ihres ursprünglichen Aussehens stand die Restaurierung der Fresken in der sala terrena von der Hand Federico Zuccaris und jene eines bislang unbekannten Künstlers im Raum darüber im Mittelpunkt der Arbeiten. Nach der Reinigung der Fresken Zuccaris, die der Künstler im Jahr 1579 schuf, und behutsam durchgeführten konservatorischen Maßnahmen erscheinen sie nun wieder in altem Glanze. In der Mitte des Deckengemäldes ist eine Allegorie der Zeit, umgeben von Tag und Nacht, Vergangenheit und Zukunft zu sehen. Weitere Felder sind den vier Jahres- und Tageszeiten sowie den diesen zugeordneten Sternzeichen gewidmet. Die Gurtbögen sind mit Fabeln des griechischen Dichters Äsop geschmückt. In den Lünetten brachte der Künstler dagegen Landschaften, Szenen aus der Mythologie und aus seinem Familienleben an. Letztere zeigen die Zubereitung eines Bratens, eine gemeinsame Mahlzeit mit seiner Frau und im Hintergrund seine Schüler, ins Studium vertieft. Abgesehen von ihrer künstlerischen Qualität stellen die Fresken somit ein höchstinteressantes Zeugnis des Selbstverständnisses und Selbstbewußtseins Zuccaris dar. Zum einen waren es in jener Zeit Patrizier, die sich ihre Paläste mit aufwendigen Malereien schmückten; für nicht-adelige Personen war diese Vorgehensweise unüblich. Zum anderen finden sich neben den allegorischen Darstellungen solche des Familienlebens Zuccaris, die einen Einblick in seine Rolle als Patriarch und Lehrer gestatten.
Diese von Zuccari propagierte Verbindung von Leben und Lehre findet ihre Parallele in der Gründungsgeschichte des Kunsthistorischen Institutes in Florenz: 1897 war es Heinrich Brockhaus, der das neugegründete Institut in seiner Privatwohnung eröffnete. Seit jener Zeit versteht sich das KHI als ein Ort der Begegnung, des fachlichen Austauschs und der Förderung von Spitzen- und Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus dem In- und Ausland. In der Casa Zuccari findet sich dank der Umstrukturierung nun Raum für Einzel- und Gruppenprojekte sowie die Durchführung internationaler Tagungen. Der Umzug einzelner Sektionen aus dem Palazzo Capponi Incontri und der Casa Rosselli konnte darüberhinaus zu einer gewissen Entspannung des chronischen Platzproblems, bedingt durch die stetig wachsenden Bestände der Photothek und vor allem der Bibliothek, führen: Umgezogen sind ferner die EDV-Abteilung und die Verwaltung; aus der Photothek das Digitalisierungsprojekt, das Negativarchiv und das Photolabor.
Aus Anlass der Fertigstellung der Arbeiten und der Eröffnung der Casa Zuccari erklärte sich Pietro Ruschi, Professor an der Universität Udine und erfahrener Architekturhistoriker (zu seinen Restaurierungsprojekten zählt etwa die Alte Sakristei der Florentiner Kirche San Lorenzo), freundlicherweise bereit, einige Fragen zu beantworten:
Interview mit Prof. Pietro Ruschi
Prof. Ruschi, 1987 hat der Verein zur Förderung des Kunsthistorischen Institutes in Florenz e.V. mit Hilfe von privaten Spendenmitteln und der großzügigen Unterstützung der Deutsche Bank A.G. die Casa Zuccari erworben und ein Jahr später dem Kunsthistorischen Institut in Florenz feierlich übergeben. Wann wurde mit den Restaurierungsarbeiten begonnen und wie gingen sie vonstatten?
In drei Abschnitten. Der erste wurde bereits Ende der achtziger Jahre durchgeführt und betraf die Sanierung des Daches. In einem kurzdarauffolgenden Eingriff wurden die Außenfassaden, also jene, die zur Via Capponi und jene, die zur Via Giusti zeigt, restauriert. Und schließlich der letzte Abschnitt, mit dem Ende 2001 begonnen wurde und der nun kurz vor seinem Abschluß steht. Dieser betrifft das gesamte Gebäude, also sowohl den Außen- als auch den Innenbau.
Welche Bauphase war dabei die intensivste?
Jene von 2002 bis 2004. Jetzt befinden wir uns am Ende der Arbeiten und im Mai wird die Eröffnung sein.
In welchem Zustand haben Sie die Casa Zuccari vorgefunden als Sie mit den Restaurierungsarbeiten begannen?
Die Casa Zuccari befand sich in einem beklagenswerten Zustand. Seit dem Erwerb des Hauses durch die Grafen Acquarone waren an dem Gebäude keine erhaltenden Maßnahmen mehr vorgenommen worden. Daher war es recht verwahrlost, auch wenn in Hinblick auf die Statik das Gebäude keine außergewöhnlich schwerwiegenden Probleme aufwies. Die Acquarone haben, als sie noch die Besitzer waren, in erster Linie Eingriffe im Inneren vorgenommen. Diese wurden teilweise beibehalten, weil sie irreversibel waren bzw. schon historischen Wert erlangt hatten, und teilweise beseitigt, um den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen. Das Innere des Hauses präsentiert sich weitgehend im Stil des 19. Jahrhunderts – abgesehen natürlich von dem, von Federico Zuccari ausgemalten Raum und jenem aus dem 17. Jahrhundert im ersten Stockwerk –, und auf diese Fassung haben wir uns während der Restaurierungsarbeiten bezogen.
Wie viele Personen sind mit den Restaurierungsarbeiten beschäftigt und wie setzt sich die Gruppe der Restauratoren zusammen?
Mit der Restaurierung sind hauptsächlich drei Ingenieure betraut: Bruno Daddi als Projektingenieur und Leiter des strukturellen Bereichs, Stefano Mazzoni Pallecchi als Projektingenieur und Leiter der Anlagentechnik und ich. Ich bin für die Architektur zuständig, sprich für die Restaurierung des Baus und der Fresken.
Wurden die Arbeiten in den einzelnen Bereichen zeitgleich ausgeführt?
Mit den Arbeiten wurde gleichzeitig begonnen; auch weil einzelne Probleme ineinandergriffen. Folglich waren alle Bereiche von dem Eingriff betroffen, natürlich mit unterschiedlichen Laufzeiten: Manche Arbeiten konnten schneller abgeschlossen werden als andere. Als letztes wird der Raum mit den Fresken Zuccaris fertiggestellt sein, da deren Restaurierung eine ganz besonders sorgfältige und umsichtige Vorgehensweise verlangt.
Wie gestaltete sich die Restaurierung der Zuccari-Fresken, welche Probleme traten auf?
Die Fresken bereiteten Probleme verschiedenster Art. In der Vergangenheit hatten sie schon einige Restaurierungen über sich ergehen lassen müssen, die mittlerweile ihrerseits einen Alterungsprozeß erfahren hatten. Das schlug sich in Oxidationen und Sulfierungen nieder, die zu Veränderungen der Farben führten. Ferner entstanden Probleme durch den Umstand, daß die Räume lange Zeit verschlossen waren, was die Bildung von Feuchtigkeit und die sich daraus ergebende Auskristallisierung von Salzen begünstigte. Desweiteren war eine große Anzahl kleinster Läsionen vorhanden, die die Stabilität einiger Partien des Putzes gefährdeten. Schließlich – und das ist vielleicht das interessanteste, was bei den Restaurierungsarbeiten dieses Raumes zum Vorschein kam – wurden unter dem Putz Architekturmalereien gefunden: eine zum Verständnis des Gewölbefreskos grundlegende Perspektive. Dennoch war sie nicht unbekannt, denn diese Dekoration war einst sichtbar und wurde auch photographiert. Später hat man sie jedoch komplett übertüncht; wahrscheinlich war sie in einem so schlechten Zustand, daß man ihr bei der letzten Restaurierung keine besondere Aufmerksamkeit schenkte. Die jetzige Restaurierungskampagne wird allumfassend sein, folglich interessieren sowohl die Gewölbe als auch die Wände. Zu guter Letzt haben wir noch ein altes vermauertes Fenster mit Resten einer Dekoration von fingiertem polychromem Marmor gefunden, das bislang unbekannt war und bereits im 18. Jahrhundert geschlossen wurde.
Wurden – abgesehen von den Fresken Zuccaris – weitere entdeckt?
Im Korridor konnten einfache dekorative Malereien, die aus dem 19. Jahrhundert stammen, freigelegt werden. Ferner wurden über dem, von Zuccari ausgemalten Raum Fresken gefunden. Es handelt sich um Deckenmalereien, die von einem Künstler stammen, den bislang noch niemand sicher zu identifizieren vermocht hat, und die auf den Anfang des 17. Jahrhunderts zu datieren sind. Sie waren an der Decke immer gut sichtbar, wenn auch in schlechtem Zustand und sehr verschmutzt. Die Wände hingegen waren vollständig geweißelt, wobei man jedoch erkennen konnte, daß sich unter der Farbschicht Spuren von Dekorationen aus dem 18. Jahrhundert befanden, die wir nun wieder ans Licht gebracht haben.
Ansonsten muß man bedenken, daß das Haus im 19. Jahrhundert tiefgreifende Veränderungen über sich ergehen hat lassen müssen. Die gesamte Treppenanlage stammt aus dem 19. Jahrhundert; selbst die Höhe der Zwischengeschosse wurde verändert. Im Inneren hat nun eine große „Revision“ den ursprünglichen Zustand verändert. Selbst der von Zuccari ausgemalte Raum wurde verändert: Die beiden Türfenster, die man dort heute sehen kann, gab es nicht. Es existierte lediglich ein einziges Fenster in der Mitte der Wand, von dem aus man auf den Garten blicken konnte.
Waren – abgesehen von den Fresken im ersten Stock, die eventuell dem Genueser Maler Giovanni Battista Paggi zuzuschreiben sind – spätere, nach der Zeit Zuccaris entstandene Ausmalungen zu entdecken?
Nein. Die Frage ist, wenn überhaupt, in Hinsicht auf die architektonischen Veränderungen noch offen. Jetzt, nach Abschluß der Restaurierungsarbeiten kann man damit beginnen, darüber nachzudenken. Ansonsten spricht nichts für die Zuschreibung der Fresken im ersten Stockwerk an Paggi.
Mit welchen Schwierigkeiten sind Sie während der Restaurierungsarbeiten konfrontiert worden?
Es gab Probleme verschiedenster Art. Es ist schwierig, sie im Rahmen eines Kurzinterviews zusammenzufassen... Es bestanden enorme statische Probleme mit der Lastenverteilung, mit der Ableitung der Schübe, mit Mauern, die ihr Gewicht falsch verteilten, mit Zerrüttungen. Desweiteren wurde aus Gründen der Sicherheit des Gebäudes eine Reihe von Eingriffen vorgenommen, die jedoch weder sichtbar sein noch das ursprüngliche Bild des Baus beeinträchtigen durften. Diese Arbeiten waren eine sehr delikate und zeitintensive Aufgabe. Die Anlagentechnik ist heutzutage eine sehr komplexe Angelegenheit, wenn ein Gebäude einen modernen Zweck erfüllen soll; auch wenn, wie in diesem Fall, glücklicherweise nur einige Arbeitszimmer und Büros eingerichtet werden. Auch in Hinblick auf die Architektur gab es zahlreiche Probleme. Es gab keine nennenswerten methodologischen Probleme, weil in der Tat alles recht klar war. Aber es mußten Entscheidungen getroffen werden; Entscheidungen, wie man sie immer treffen muß. Beispielsweise haben wir den ursprünglichen Grundriß rekonstruiert, wobei er sich nun im Eingangsbereich in einer Fassung des 19. Jahrhunderts darstellt. Dort haben wir den Fahrstuhl an eine andere Stelle versetzt, weil er dort, wo ihn die Acquarone eingebaut hatten, einige Räume beschnitt und den Eingangsbereich blockierte. Ferner sind Probleme in Bezug auf die Fresken zu nennen. In diesem Bereich haben wir auch mit dem Opificio delle Pietre Dure zusammengearbeitet, das während des gesamten Zeitraumes der Restaurierung die Arbeiten begleitete. Sie wurden von einer Firma, die auf die Restaurierung von Malerei spezialisiert ist, ausgeführt.
Was war für Sie persönlich das schönste oder interessanteste Ereignis während der Restaurierungsarbeiten? Eine unerwartete Entdeckung etc. ...
Die unerwartete Entdeckung, wenn man so will, war die Wiederauffindung eines unterirdischen Raumes direkt unter dem Raum mit den Zuccari-Fresken. Er ist von einem Gewölbe, das auf Erde konstruiert wurde, überwölbt, so wie das früher üblich war. Kurios ist hierbei, daß in all den Jahrhunderten niemand daran gedacht hatte, die Erde zu entfernen, so daß das Gewölbe immer noch auf der ursprünglichen Erde ruhte. Als wir sie herausschaufelten, haben wir diesen Raum entdeckt, der aus architekturhistorischer Sicht ein interessantes Zeugnis darstellt.
Wann wurde der Kellerraum errichtet?
Als das Haus noch dem Maler Andrea del Sarto gehörte, war es kleiner und besaß nicht die heutigen Ausmaße. Daher schlage ich vor, daß dieser Raum zu Zeiten Zuccaris konstruiert wurde. Merkwürdigerweise – entweder, weil Zuccari nach Rom ging oder aus irgendwelchen anderen Gründen – wurde der Saal nie ausgeschachtet und bewahrte die ursprüngliche Erde in seinem Inneren. Dies ist vielleicht die erstaunlichste Entdeckung. Ein anderer interessanter Fund ist das Fenster in dem von Zuccari ausgemalten Raum. Letztendlich sind jedoch die Fresken das spannendste: Zur Zeit sind wir dabei, eine Reihe von Perspektivstudien am Computer durchzuführen (digitale Aufnahmen etc.). Ziel ist die dreidimensionale Rekonstruktion des Raumes, so, wie er idealerweise gedacht war, also so, wie Zuccari ihn mit Hilfe der Malerei dargestellt und illusionistisch erweitert hat.
Sicherlich ist jede Arbeit verschieden. Dennoch: Wie bewerten Sie die Restaurierung der Casa Zuccari, gemessen an den Restaurierungen, die Sie bisher durchgeführt haben? Gab es für Sie große Unterschiede?
Jede Restaurierung ist völlig unterschiedlich. Ich möchte nicht mit Geschichten über meine bisher durchgeführten Restaurierungsprojekte langweilen... Ich bin davon überzeugt, daß das Grundlegende bei einer Restaurierung darin besteht, zu untersuchen. Das heißt erforschend zu versuchen, alles, was man kann, zu erfassen, damit es einem gelingt, ein Gebäude zu verstehen und kennenzulernen. Das ist der Ausgangspunkt. Einzig, wenn man mit der Architektur vertraut geworden ist, kann man mit der Planung beginnen. Denn ein Risiko während einer Restaurierung besteht darin, oberflächlich zu sein, Klischees zu übernehmen oder sich auf der Grundlage einfacher Hypothesen zu bewegen. Die größte Schwierigkeit besteht vornehmlich im Wissen. Es ist wichtig, zu verstehen, zu lesen, immer wieder zu kontrollieren, anzuschauen und erst danach damit zu beginnen, etwas zu tun bzw. manchmal etwas nicht zu tun, denn Restaurieren bedeutet nicht immer, etwas zu machen; ab und zu bedeutet es auch, etwas nicht zu machen.
Zweifellos ist diese Restaurierung anders als alle bisher von mir durchgeführten, wie gesagt, und zwar aus vielen Gründen. Unter anderem deshalb, weil – wie ich bereits angedeutet habe – auf Veranlassung der Acquarone in den fünfziger/sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts schwerwiegende Modifikationen vorgenommen worden waren. Daher mußte man in diesem Fall sehr viel konstruktiver vorgehen als in anderen Fällen. Die von mir betreute Restaurierung der Alten Sakristei von San Lorenzo war beispielweise äußerst komplex, jedoch von ausschließlich konservierender Art. Dort bestand das Problem in erster Linie darin, wiederzufinden und zu bewahren. Hier hingegen mußten wir wesentlich operativer vorgehen: Es war notwendig, einen abgeschlossenen, mehrere historische Bauphasen in sich beschließenden Baukörper zu analysieren und rekonstruieren. Dabei mußten – ohne dabei Brüche mit den älteren Gebäudeteilen zu schaffen – die jüngsten Transformationen respektiert werden, um möglichst bruchlos und auf kohärente Weise die Lesbarkeit und das formale Gleichgewicht des gesamten Gebäudes wiederherzustellen.
Henning Klüver im SZ Feuilleton vom 27.5.2005
Nur einen Steinwurf entfernt
Prachtvolle Dependance: Das berühmte Kunsthistorische Institut in Florenz bekommt neue Räume in der frisch restaurierten Casa Zuccari.
Das war ein großer Tag für das Kunsthistorische Institut (KHI) in Florenz. In einer Feierstunde wurde gestern im Palazzo Vecchio die Restaurierung der Casa Zuccari vorgestellt und das Künstlerhaus aus dem 16. Jahrhundert nach dem Umbau dem KHI zur Nutzung übergeben. Zugleich erhielt Max Seidel, der langjährige Leiter des Institutes, die Ehrenbürgerschaft der Stadt Florenz. Zwischen 1993 und 2004 steuerte er das KHI, eine Gründung Deutscher Privatgelehrten in Florenz vom Anfang des 20. Jahrhunderts, später eine Bundeseinrichtung, in den sicheren Hafen der Max-Planck-Gesellschaft. Der heute 65-jährige Seidel zog im Hintergrund auch die Fäden beim Erwerb und der Restaurierung der Casa Zuccari.
Als Federigo Zuccari in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts nach Florenz kam, um in der Nachfolge von Vasari die Ausmalung der Domkuppel fortzusetzen, kaufte er 1577 ein Wohnhaus an der heutigen Via Giusti, das sich Andrea del Sarto rund 50 Jahre zuvor gebaut hatte. Zuccari gestaltete das Gebäude völlig um. So schmückte er den Hauptsaal im Erdgeschoss, die Sala Terrena, mit einem spätmanieristischen Freskenzyklus aus, der private Szenen aus dem Leben der Künstlerfamilie mit Zeitallegorien verbindet. Zuccari blieb nicht lange in Florenz: Er zog weiter nach England, Spanien und schließlich nach Rom, wo er sich den Palazzo Zuccari oberhalb der Spanischen Treppe baute, der heute zur Bibliotheca Hertziana gehört.
Anfang der achtziger Jahre, als Seidel Vorsitzender des Fördervereins des KHI war, konnte er den Ehrenvorsitzenden der Deutschen Bank, Herrmann Joseph Abs, davon überzeugen, die Casa Zuccari zu erwerben und dem KHI zu schenken, das nur einen Steinwurf entfernt in zwei Stadtpalästen der Via Giusti untergebracht ist. Am Tag der Schlüsselübergabe, dem 25. Mai 1988, kam sogar Bundespräsident Richard von Weizsäcker nach Florenz. Die Sanierung von Haus und Grundstück, die Restaurierung der Zuccari-Fresken in der Sala Terrena sowie weiterer Wandmalereien aus dem frühen 17. Jahrhundert im ersten Stock waren schwieriger als geplant. In enger Zusammenarbeit mit florentinischen Denkmalschutz- und Restaurierungseinrichtungen wie dem Opificio delle Pietre Dure unter der Leitung von Cristina Acidini konnten die Arbeiten jetzt endlich abgeschlossen werden. Die Gesamtkosten von rund 2,3 Millionen Euro haben sich deutsche Bundeseinrichtungen sowie deutsche und italienische Sponsoren geteilt. In der Casa Zuccari werden jetzt Wissenschaftler Arbeitsplätze finden, dazu kommen das umfangreiche Fotolabor der Fotothek wie auch Teile der Verwaltung. Schließlich wird man das Künstlerhaus auch für repräsentative Tagungen und Seminare nutzen können.
Die neuen Räume in der Casa Zuccari lösen allerdings nicht die Raumnot des Instituts, das täglich von etwa hundert meist jungen Wissenschaftlern genutzt wird. Die Bibliothek, zusammen mit der römischen Hertziana eine der bedeutendsten Sammlungen zur europäischen Kunstgeschichte, platzt aus allen Nähten. In Florenz wünscht man sich eine Unterbauung des Gartens mit natürlicher Lichtführung durch einen international renommierten Architekten. Ein wenig sehnsüchtig blickt man deshalb nach Rom, wo sich die Hertziana gerade ein neues Bibliotheksgebäude baut.
Dass beide Institute jetzt über Wohnhäuser von Federigo Zuccari verbunden sind, ist dabei mehr als eine symbolische Gemeinsamkeit. Denn in Florenz, wo 44 Mitarbeiter über rund vier Millionen Euro Jahresetat verfügen, hatte man die Römer lange wegen ihrer Zugehörigkeit zur Max-Planck-Gesellschaft beneidet. Doch diese Zeiten sind vorbei. Gerhard Wolf, seit vergangenem Jahr geschäftsführender Direktor des KHI, nennt die Eingliederung in die Gesellschaft einen „Quantensprung“.
Außerdem gibt es seit einigen Jahren den von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützten Bibliotheksverbund zwischen Hertziana, KHI und dem Münchener Zentralinstitut für Kunstgeschichte – der mit rund 350 000 Titeleinträgen wohl weltweit wichtigste Bücherfundus für Kunstgeschichte. Trotz aller Gemeinsamkeiten achtet man in Rom und Florenz aber auch auf Abgrenzungen – nicht nur wegen der unterschiedlichen Traditionen und verschiedenen Forschungsfelder beider Häuser. Die Hertziana widmet sich Renaissance und Barock im römischen und süditalienischen Raum, das KHI Mittelalter und Renaissance sowie der frühen Moderne in Mittel- und Norditalien.

Das KHI setzt unter Gerhard Wolf mit neuen Forschungsfeldern, die mittlerweile sogar Brücken nach Mexiko und Mittelamerika schlagen, die Linie fort, die Max Seidel bereits vorgegeben hatte: die Ausweitung des Instituts von einer Serviceeinrichtung zu einem internationalen Forschungsinstitut. Dazu passt auch das Thema des dreitägigen Kongresses, der am kommenden Wochenende zu Ehren von Seidel veranstaltet wird: Es wird um Musik und bildende Künste zwischen Renaissance und früher Moderne gehen. In einer Zeit wachsender Spezialisierungen ist dies ein Signal für einen fächerverbindenden Ansatz der Kunstgeschichte, der in die Zukunft weist.

Henning Klüver im SZ Feuilleton vom 27.5.2005, S. 21
 
 
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